“Vor 89″ klingt wie “vor Christi Geburt”

Frisch eingetroffen: Ostdeutsche im Zoo

Nirgends findet man so eine Atmosphäre wie hier. Im Osten. Ostdeutschland. Ehemalige DDR. Zone. Was weiß ich. Verdammt, für dieses Dings, das einmal die DDR war, gibt es keinen politisch korrekten Ausdruck. Neulich sagte jemand, dass es in der Bundesrepublik noch in den Sechzigerjahren Schulatlanten gab, in denen die DDR »Mitteldeutschland« hieß. Und das eigentliche »Ostdeutschland« Ostpreußen war (»vorübergehend unter sowjetischer Verwaltung«). Jetzt heißt es Zone. Oder? Ostdeutschland natürlich. Wobei mei- ne Mutter darauf besteht, dass wir Deutsche sind. Ja, ja, sage ich dann: Deutsche in Ostdeutschland. Meine Mutter lehnt das Wort »Ostdeutschland« ab. Wir gehören zusammen, sagt sie, rein geographisch sei ja auch Bayern Ostdeutsch- land. Aber sie will davon nichts hören. Wir sind ein Land. Als gäbe es überhaupt keine Unterschiede, als hätte es die DDR nicht gegeben, die Grenze, die Grenzsteine, unter- schiedliche Löhne, Mieten, Vergangenheit. Sie sagen: Hier ist alles ganz normal. »Und was sind wir?«, frage ich meine Mutter. »Wir sind natürlich aus der DDR«, sagt sie.

Das ist der alte Obelix-Witz: Hier gibt es keine Dicken, nur einen, und der ist nicht dick.

Die Macht über Namen ist ein Mittel der Politik. Jedenfalls: Nirgends findet man diese Atmosphäre. Man kann sie nicht sehen, man weiß nicht, woher sie kommt. Du kommst in eine Stadt und begegnest dieser Atmosphäre. Du denkst, du kannst sie sehen. Aber du kannst es nicht. Woher kommt sie? Nicht aus den Assi-Hochhäusern, den leeren Dorfkneipen, ihren Kellnern, den Jugendzimmern, Volkshäusern, weder der Bürgermeister noch seine neu gekürte Zwiebelkönigin erzählen es dir.

Und diese Atmosphäre? Sie bleibt an dir kleben. Du schleppst sie mit, wohin du auch gehst. Rasselnde Blechdosen an deinem ostdeutschen Arsch.

Ich werde noch immer mit etwas in Verbindung gebracht, das seit 20 Jahren vorbei ist. Das Leben im Osten teilt sich auf in “Vor 89″ und “nach 89″ so wie “vor Christi Geburt”. Was die Alten “vor 89″ machten, weiß man in der Regel nicht so genau. Und die Nachgeborenen? Man hält uns für Diktaturenkinder, die schon im Kindergarten einen ganz enormen Knall bekommen haben: durch gemeinschaftliche Klogänge, Stasikindergärtnerinnen, freilaufendes Viehzeug und kommunistische Propaganda.

Wir sind ein Volk.

Woher eigentlich das Bedürfnis nach Angleichung? Nach Vereinheitlichung? Lernen wir nicht in der Theorie, dass innerhalb einer Gesellschaft, unter einer Verfassung verschiedene soziale Prägungen aufeinandertreffen? Ist das nicht die Bedeutung von Pluralismus? Und heißt es nicht, dass dies eine Bereicherung ist für die Gesellschaft? Aber Ostdeutsch- land, das ist kein Pluralismus, das ist etwas ganz anderes: Das ist eine Zeit.

 

 

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