DDR als Ausland

Bilderbuch DDRFür mich war die DDR lange Zeit Ausland. So weit weg wie die Inkas. In der Schule endete der Geschichtsunterricht mit der Kapitulation Deutschlands 1945. Ich war fünf als die Mauer fiel und erinnere mich an die DDR überhaupt nicht. Wie der Hauptdarsteller Jacob Matschenz bin ich 1984 geboren. Er in Berlin, ich in Weimar. In einem Plattenbau am Rand der Stadt. Es sind die Ruinen einer vergangenen Zeit. Wir sind die Nachgeborenen. Lange Zeit habe ich über die DDR nur in Form seltsamer Sonntagspredigten meines Vaters über Marx und Lenin und Karl May gehört. Es war nicht unspannend. Aber gesellschaftsfähige Aussagen zum Terrorstaat DDR oder zum kostenlosen-Kindergarten-Staat-DDR habe ich nie machen können. Die DDR kommt nur als Zombie in unser Leben zurück (Ostalgieshows) oder als Disneyland (alles war einfach!). Ich habe mir deshalb Ende der Neunziger Jahre einen Reiseführer gegkauft, der bei “Reise-Know-How” in Westdeutschland 1991 erschienen ist. Titel: DDR. Ein Schornsteinfeger ist auf dem Cover. Das Autoren-Ehepaar aus Süddeutschland bereist die DDR, um dem Rest der Welt dieses “eigentümliche Land” vorzustellen. Für 64 Millionen Deutsche ist die DDR ja Ausland.
Im Kapitel “1.2.5. Freud und Leid im Straßenverkehr” heißt es zum Beispiel zu den Ampelphasen: ” Es scheint, daß auch hier Ordnung und Gehorsam vor dem Prinzip Vernunft und freier Wille rangiert…”
Den Reiseführer trug ich lange mit mir herum, um meine Eltern etwas besser zu verstehen. Die waren Parteimitglied und Wissenschaftler. Unser Wohnzimmer war ein Wald aus mindestens 50 verschiedenen Zimmerpflanzen, Bäumchen und Töpfchen, in denen fleißig gezüchtet wurde. Im Garten wuchsen Kartoffeln. Ich wusste lange nichts weiter von meinen Eltern, außer, dass sie mal etwas mit “Pflanzen und Traktoren” gemacht haben. Die Beobachtungen eines westdeutschen Reiseführerpärchens habe ich lange mit der Wirklichkeit und mit der Vergangenheit meiner Eltern nicht zusammenbringen können. Es heißt zum Beispiel weiter: “Wir waren häufig so deprimiert, auch so empört, daß wir von anfänglicher Zurückhaltung und Toleranz ließen und die Eindrücke beim Namen nannten.”
Knallhartes Urteil: “In der DDR müssen Radfahrer grundsätzlich hintereinander fahren.”
Und: “Schlange stehen. Es ist uns täglich viele Male passiert, daß wir auf einer Straße anhielten, um z. B. nach einer Richtung zu fragen. Hinter uns fahrende Autos zogen nicht etwa an uns vorbei, sondern hielten auch an. Wenn wir dann z. B. zum Wenden rückwärts fahren wollten, mußten wir erst mal die Maikäfer-Trabis vorbeiwinken, die häufig so dicht auffuhren, daß sie aus den VW-Bus-Rückspiegeln nur mit Mühe auszumachen waren.”
Zusammengenommen ist das natürlich süßer Ideologietrash. Kalte-Kriegssprache, die wir als Nachgeborene hauptsächlich lustig finden. Aber ein weißer Fleck ist es doch. Und solche seltsamen Bücher und das Schweigen unserer Eltern über ihre Vergangenheit machen es uns nicht leichter etwas zu verstehen. Heiner Müller schrieb in seiner Autobiografie “Krieg ohne Schlacht”: “In Deutschland färben sich weiße Flecken in der Geschichte eher Braun als Rot.”