Könnt ihr euch an den Mauerfall erinnern?

Nein? Ich auch nicht. Meine Erinnerung setzt ungefähr in dem Moment ein, den man als Happy End bezeichnen würde. Mein Vater saß nach dem Happy End eigentlich nur auf dem Sofa, verlässt das Sofa nie, sitzt tagsüber auf dem Sofa, isst auf dem Sofa, schläft manchmal auf dem Sofa, während der Fernseher bis spät in der Nacht lief. Das Licht einer Rotlichtlampe schien auf sein rechtes Ohr, er hatte, glaube ich, eine Hirnhautentzündung oder Mumps, ich weiß nicht mehr genau. Während er seine Tage auf dem Sofa verbringt, schwimmen hinter ihm kleine Fischchen in einem kleinen Aquarium, und wenn ich die Fische füttere, rieselt das Futter langsam, wie Staub, auf den Kopf meines
Vaters. Das ging schon lange so, Wochen, Monate, ich habe nicht mitgezählt, das ging so, seit ich mit meiner Mutter und meinem Bruder vor dem Fernseher saß und zugeguckt habe, wie dort im Fernsehen Menschen in Trabis und wirren Frisuren über die Grenze gefahren sind. Meine Mutter war die ganze Zeit still, murmelte nur manchmal, sie sei gespannt, wie es weitergeht. Aber die Sendung lief schon den ganzen Nach- mittag. Ich saß zu Hause, weil meine Eltern mich aus dem Kindergarten herausgenommen hatten, weil ich dort eine Geschichte erzählt hatte, die meine Eltern leider nicht moch- ten. Wir mussten uns im Kindergarten im großen Schlafsaal alle in einen Kreis setzen, 15 Fünfjährige ungefähr und eine Kindergärtnerin, nämlich Tante Beate, und die fragte jeden: »Und was macht denn dein Papa?« – »Zu meinem Papa fällt mir nichts ein«, sagte ich, und Tante Beate schaute mich merkwürdig an. »Ich glaube, er war mal Soldat und …« Wenn ich schon nicht wusste, was mein Vater eigentlich machte, denn er war weder Maurer noch Bäcker noch Fabrikarbeiter, er machte etwas auf einem Feld und am Computer, und das habe ich überhaupt nicht verstanden. Aber wenn man nichts weiß, muss man sich etwas einfallen lassen, was alle von den Sitzen reißt: »… und fährt einen VW.« Punkt. Tante Beate hat große Augen gemacht und ich dachte: »Toll gemacht«, und habe auf die Bewunderung gewartet. »Bist du dir sicher, dass ihr einen VW habt?«
»Ja«, sagte ich, »ganz neu, steht noch in der Garage, hat noch niemand gesehen.« Das hatte ich mir gut ausgedacht. Denn Tante Beate wohnte ja auch in der Siedlung, und die hatten eine Garage nicht weit von unserer, und da musste man dran denken, wenn man behauptete, dass wir ein neues Auto hätten. »Ich glaube nicht, dass sich dein Vater einen VW kaufen würde.« Das glaubte ich aber schon. Und als ich nach Hause ging, fragte ich meinen Vater, ob wir uns schnell einen VW kaufen könnten, weil ich heute im Kin- dergarten gesagt hätte, dass wir einen haben. Mein Vater ruft meine Mutter. »Karin?« – »Peter?« – »Karin, deine Tochter erzählt, dass wir einen VW haben.« Dann nahm er mich zu seinem Globus, der auf einem Regal stand, und zeigte mir unser Land. »Das sind wir, das ist die DDR, Deutsche Demokratische Republik. Hier gibt es keine VWs.« Sie war ganz klein. »Und was ist das?« – »Das ist die BRD, Bundesrepublik Deutschland. Da gibt es VWs und Demokratie, die ist aber keine, da wird man vom Kapital regiert.« Das habe ich überhaupt nicht verstanden, aber so getan, als hätte ich es verstanden, und genickt.
»Sprechen die auch deutsch?«
»Ja.«
»Und warum heißen die dann anders?«
»Weil es ein anderes Land ist.«
»Warum?« »Das ist wie das Verhältnis zwischen dir und deiner Schwester. Nicht einfach.« Ich verstand.
»Zwischen den zwei Ländern steht eine große Mauer.«
»Warum?«
»Damit die Bürger der BRD hier nicht reinkommen.«
»Schade.«
»Überhaupt nicht schade! Und jetzt räum dein Zimmer auf.«

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