Interview mit Regisseur Marc Bauder

Über Realitätspartikel und die Fragen der „Dritten Generation“

 „DAS SYSTEM – alles verstehen heisst alles verzeihen“ ist ein für Deutschland ungewöhnlicher Film. Wie kam es dazu? War das für Sie immer schon der selbstverständliche Schritt? 

BAUDER: Es ist ein Film über unsere Gegenwart. Es geht darum, welche Spuren die Vergangenheit in der Gegenwart hinterlassen hat. Und vor allem: Wie Menschen in der Gegenwart mit der Geschichte und mit ihrem Land umgehen. Für mich war wichtig, dass das, was wir erzählen, glaubwürdig und möglichst faktennah ist. Wir haben daher lange dokumentarisch recherchiert und alles was wir zeigen, kann man für sich genommen belegen. Aber für uns – meine Co-Autorinnen und mich – war immer klar, dass es ein Spielfilm werden muss. Denn dadurch hatten wir viel mehr Möglichkeiten, die Dinge auf den Punkt zu bringen und das Universelle des Themas herauszuarbeiten. Die Figuren sind daher Fiktion, aber was sie tun, das ist Realität, zusammengebaut aus Realitätsbausteinen.

Zum Beispiel?

BAUDER: Kann man im SPIEGEL 35/2008 nachlesen, dass Matthias Warnig, der Vorstandsvorsitzende der NordStream AG – die die Ostsee-Pipeline betreibt – bis zum Mauerfall für die Auslandsaufklärung des MfS gearbeitet hat. Was ich aber viel spannender finde, ist, dass er gleich 1990 von der Dresdner Bank angeworben wurde, um für sie das Bankengeschäft in Russland aufzubauen. Er besorgte prompt die erste Banklizenz für Ausländer in St.-Petersburg – Im Rathaus damals zuständig: Wladimir Putin. Das nur als eines von vielen Beispielen zum Thema Kontinuität von Eliten.

Diese zahllosen Fälle von Kontinuitäten, die man ohne Mühe in jeder Epoche finden kann, haben wir als Baukasten für unsere Hauptfiguren verwendet. Uns ging es um die Frage, welche Strukturen jeglichen Systemwandel überleben. Versetzen wir uns zurück in die fünfziger Jahre der Bundesrepublik: Auch da gab es eine Kontinuität von Eliten zur NS-Diktatur. Diese Mechanismen und Strukturen sind universal übertragbar.

Daneben gibt es aber auch eine Reihe realer Aspekte, die im Film aufgegriffen werden, beispielsweise der Hintergrund zum zentralen Gegensatzpaar zwischen Mike und Böhm. Vaterlose Kinder waren ein Hauptanwerbeziel für die Staatssicherheit, denn sie waren formbar. Dann gibt es historische Orte, wie das gespenstische Gelände, wo die Szene mit den Schießübungen stattfindet. Sie war wirklich eine DDR-Kaderschmiede. Und – deutsche Geschichte – zuvor Sommersitz von Reichspropagandaminister Goebbels.

Ein wichtiges Realitätspartikel im Film ist das “Hotel Neptun” am Strand von Warnemünde. Was muss man darüber wissen?

BAUDER: Das Hotel Neptun wurde zu DDR-Zeiten von Schalck-Golodkowski als Devisenbeschaffungshotel für Leute aus dem Ausland gebaut. Die Geschichte, die Böhm so beiläufig in der Küche erzählt, ist vollkommen wahr: Willy Brandt, Uwe Barschel und Fidel Castro waren da zu Gast. Und Schalck-Golodkowski hatte eine ständige Suite im Hotel. Wie Böhm so schön sagt: da wurde Globalisierung betrieben, bevor dieser Begriff überhaupt erfunden wurde. Der Hoteldirektor blieb übrigens von der Eröffnung 1971 bis zu seiner Pensionierung im Herbst 2007 Klaus Wenzel – IM Deckname „Wimpel“. Soviel wieder zum Thema Kontinuität.

Was man heute kaum noch weiß oder wissen will, ist, dass es beste Geschäftsbeziehungen zwischen West und Ost gab, obwohl diese beiden Systeme einander offiziell massiv bekämpft haben. Fast alle großen westdeutschen oder internationalen Konzerne waren direkt oder indirekt involviert. Insofern ist das für mich auch ein tolles Symbol des Schweigens: Dieses Hotel, das da am Strand steht.

Interessant ist, dass der Film in Deutschland etwas aufspürt, was man dort gar nicht erwartet…

BAUDER: Solche Geschichten und Themen zu finden, ist gerade in Deutschland alles andere als schwer. Wir sind ja in der Situation, dass wir gleich zwei diktatorische Systeme haben, die untergingen und nun offen daliegen, die wir erforschen und analysieren können.

Es gibt beispielsweise das Buch „Staatssicherheit – Seilschaften“ der Enquete Kommission des Deutschen Bundestags zur Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit. Dort findet man vieles über Vereinigungskriminalität oder die Kontinuität von Eliten. Die Geschichten liegen da, wie ein offenes Buch. Das Schwierige ist eher die Auswahl und das Konzentrat daraus für einen Film zu erstellen, als reale Fälle zu finden.

Im Zentrum der Handlung steht ein junger Mann, der in den Jahren kurz vor Mauerfall geboren wurde. Diese Altersgruppe gilt mittlerweile als “Dritte Generation Ost”. Was verbirgt sich hinter diesem Phänomen?

BAUDER: Für uns war von Anfang an klar, dass wir die Geschichte aus der Perspektive von Mike erzählen wollen. Mike war ein kleines Kind, als die Mauer fiel und sein Leben findet heute statt. Trotzdem soll er nun einen Scherbenhaufen aufräumen, mit dem er eigentlich gar nichts zu tun hat: die DDR-Vergangenheit seiner Eltern, weil die sie nicht selbst in Angriff nehmen wollten oder auch konnten.

Das ist im Groben das, was offenbar ganz viele aus dieser Altersgruppe umtreibt. Es gibt mittlerweile sogar ein Netzwerk, genannt „Dritte Generation Ostdeutschland“, das sich mit der besonderen Rolle dieser Generation befasst.

Die haben als Kinder mitbekommen, wie die Lebensentwürfe der Eltern plötzlich nichts mehr zählten. Manche, und dazu gehört auch Mike, waren so sehr damit beschäftigt, ihre quasi über Nacht orientierungslos gewordenen Eltern zu stützen, dass sie sich eine ganze Weile gar nicht getraut haben, Fragen zu stellen. Viele dieser Generation empfinden das Wenige, das ihre Eltern ihnen über die DDR erzählen, als schablonenhaft, die Erinnerungen der Älteren sind ihnen offenbar zu selektiv. Manchmal ging es in der Nach- Wendezeit ja auch darum, eine neu errungene Identität nicht zu gefährden.

So geht es auch Mike mit seiner Mutter Elke. Bis er eines Tages durch Konrad Böhm auf eine Welt stößt, die ihm bis dato unbekannt war. Mike geht auf die Suche nach seiner Identität, seinem Vater, seinen Wurzeln. Er sucht etwas. Und merkt zunächst gar nicht, wie er von Böhm verführt wird, der ihn immer wieder mit neuen Halbwahrheiten ködert. Denn Böhm gehört zu denen, die ganz bestimmte Gründe haben, seine neu errungene Identität nicht zu gefährden.

Mike dagegen muss seine eigene Wahrheit erst finden und er lernt mühsam, seine eigenen Fragen zu stellen. Mike ist das Herz des Films, der Motor. Er erkämpft sich das Recht auf seine eigene Identität und seine eigene Geschichte. Und das hat Mike offenbar gemeinsam mit der erwähnten „Dritten Generation Ost“, die sich im Jahr 20 nach dem Mauerfall aufgemacht hat, ihre eigene Stimme zu finden. Und ich denke, dass diese Stimme ziemlich wichtig ist, für unser Land.

Ganz ähnlich ging es ja auch schon der “68-er Generation“, die ebenfalls auf eine Mauer des Schweigens, Verdrängens und der subjektiven Halbwahrheiten trafen. Auch sie haben gespürt, dass da noch mehr verborgen ist, dass all das etwas mit ihnen zu tun hat. Aber was genau, mussten auch sie erst selbst herausfinden.

Daher auch die Unterzeile des Titels „alles verstehen heisst alles verzeihen“?

BAUDER: Manchmal lese ich den Satz mit Fragezeichen, manchmal als warnendes Ausrufezeichen. Ich kann verstehen ohne zu verzeihen, ich kann verzeihen ohne zu verstehen und manchmal nichts von beidem. Wichtig ist, dass man das selbst entscheiden kann. Und das tut am Ende ja auch Mike. Ob er nach Dänemark fährt, um mehr über seinen Vater herauszufinden, nochmals Böhm aufsucht, um ihn zu stellen – oder er einfach der lähmenden Plattenbausiedlung den Rücken kehrt, das bleibt dem Zuschauer überlassen. Für mich ist wichtig, dass Mike aufbricht, um zum ersten Mal in seinem Leben seine eigenen Entscheidungen zu fällen. Und zwar mit dem Wissen um seine Vergangenheit, die Vergangenheit seiner Familie.

Sie haben gerade von Verführung gesprochen. Teilweise ist dieser Böhm ja auch sehr sympathisch…

BAUDER: Böhm ist ein Spieler, der sein Handwerk versteht. Ich finde ihn weder eindeutig böse noch gut, sondern er fasziniert mich. Es sind die Grautöne, die dazwischen liegen. Das macht es erstmal aus: Man will dranbleiben an so einem, mehr erfahren. Da fängt die Verführung an. Ich glaube, so einen Böhm kennen wir alle. Dieser Prototyp ist zeitlos. Man kann ihn überall finden. In Ost wie West.

Gab es je Alternativen in der Besetzung?

BAUDER: Jakob Matschenz als Mike war schon während der Drehbucharbeit bei uns im Kopf. Und ich hab’ mich natürlich sehr gefreut, als er auch sehr schnell zugesagt hat. So war es auch mit Jenny Schily. In ihrem Gesicht steckt viel. Sie bietet so viel an, ohne dass sie gleichzeitig alles zumacht. Mir hat in erster Linie ihre Präsenz gefallen. Bernhard Schütz habe ich mit den beiden Autorinnen bei einer Premiere des Frisbee-Films “66/67″ entdeckt. Er war für uns eine wirkliche Offenbarung und ich wusste sofort: das ist Konrad Böhm.

Insofern gab es bei der Besetzung der Hauptrollen kein klassisches Casting. Und Jürgen Holtz als Zschernigk, Heinz Hoenig als Tieschky oder Florian Renner als Dustin sind wahre Geschenke, für die man nur dankbar sein kann.

Woher kommt Ihr Interesse für das Thema “Systeme” und für Wirtschaft?

BAUDER: Ich habe das gewissermaßen studiert. Ich bin Diplomkaufmann. Irgendwann fallen einem die Mechanismen auf. Uns wurde im BWL-Studium erzählt, wie wir uns zu verhalten hätten, wie man sich am besten bewirbt usw. Aber eigentlich ist es doch nur ein bestimmtes Regelwerk – auch eine Form der Gleichschaltung. Dieses System bedeutet Anpassung und Kompromisse zu schließen. Das habe ich ja in meinen Dokumentarfilm „grow or go“ beleuchtet.

Auf der anderen Seite interessiert mich natürlich auch, wie bei „jeder schweigt von etwas anderem“, was mit Menschen passiert, die sich gegen ein System auflehnen und nicht mehr mitmachen wollen. Das ist viel schwieriger, als Anpassung. Da ergreifen Systeme drastische Gegenmaßnahmen. Der Bogen bei diesem Film ist die Zusammenführung dieser Themen: Gewisse Mechanismen der Manipulation wiederholen sich. Und bricht man all das herunter, kann man erkennen, dass auch die Familie eine Art System ist – mit diesem Kern sind wir alle bestens vertraut. Und genau hier setzt der Film an.

 Wie kommt es eigentlich, dass sich eher Westdeutsche mit den Hinterlassenschaften der DDR befassen?

BAUDER: Ich weiß gar nicht, ob das stimmt. Wenn ich vom Dokumentarfilm ausgehe, haben ostdeutsche Filmemacher gleich Anfang der 90er Jahre grandiose Filme gemacht. Nur man hat sie wenig gesehen, oder vielleicht wollte man sie in der breiten Masse auch nicht hören. Die wollte lieber bei “Sonnenallee” und “Good bye, Lenin!” lachen.

Natürlich kann man aus der Entfernung mit einem anderen Blick auf die Dinge schauen, kann ein Thema direkter angehen. Jemand, der das persönlich erlebt hat, ist da sensibler. Aber bei „DAS SYSTEM – alles verstehen heisst alles verzeihen“ haben wir ja eine ostdeutsche und eine westdeutsche Perspektive zu einer Gesamtdeutschen verwoben. Denn meine Freundin und Co-Autorin Dörte Franke ist in Leipzig geboren, ihre Eltern waren als DDR-Oppositionelle im Gefängnis und wurden schließlich von der BRD freigekauft. Sie hat sich dem Thema aus einer Innenperspektive genähert, die Co-Autorin Khyana el Bitar und ich aus einer Außenperspektive.

Für mich persönlich ist diese Unterscheidung in Ost oder West nicht mehr so wichtig. Viel elementarer finde ich, aus welcher inneren Grundhaltung heraus man sich dem Thema nähert. Und da sollte man immer mit einer Frage beginnen.